Was stimmt eigentlich mit unserem Verständnis von Welpenhaltung nicht?
Manchmal frage ich mich das wirklich.
Da wird ein Welpe aufgenommen, obwohl der eigene Alltag bereits komplett aus allen Nähten platzt. Beruflicher Stress, Kinder mit täglich wechselnden Hobbys und Terminen, familiäre Verpflichtungen, permanente Überforderung oder erhebliche psychische Belastungen und irgendwo dazwischen soll dann noch ein Welpe funktionieren.
Nein. So funktioniert verantwortungsvolle Hundehaltung nicht.
Und bevor das falsch verstanden wird:
Eine psychische Erkrankung macht einen Menschen nicht automatisch zu einem schlechten Hundehalter. Aber sie entbindet ebenso wenig von der Verantwortung, die eigenen Möglichkeiten ehrlich einzuschätzen. Wer bereits im Alltag kaum Luft bekommt, muss sich verdammt ehrlich fragen, ob jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt für einen Welpen ist. Denn der Welpe kann seine Bedürfnisse nicht an die psychische Verfassung, die Belastbarkeit oder den Terminkalender seines Menschen anpassen.
Aber genau das scheint inzwischen teilweise erwartet zu werden.
Der Welpe soll sich gefälligst in unser Leben einfügen. Er soll funktionieren. Die Kinder sollen etwas von ihm haben. Der berufliche Alltag darf möglichst nicht beeinträchtigt werden. Die Freizeit soll bleiben. Und die Welpenschule soll sich bitte exakt zwischen Fußballtraining, Kindergeburtstag, Arbeit, Arzttermin und sonstige Verpflichtungen quetschen lassen.
Und wehe, die Trainerin sagt einmal einen Termin ab und bietet Alternativen an. Dann ist plötzlich der Ausnahmezustand ausgerufen.
Ganz ehrlich?
Geht’s noch?
Wir reden hier über einen Welpen. Über ein hochentwickeltes, sensibles Lebewesen in einer entscheidenden Entwicklungsphase. Nicht über einen Termin beim Nagelstudio, den man verschiebt, wenn es gerade nicht passt.
Ein Welpe braucht Schlaf, Ruhe, Sicherheit, Orientierung und angemessene Umweltreize. Zeit, Geduld, Wiederholung und liebevolle Konsequenz. Und vor allem Menschen, die bereit sind, sich auf seine Bedürfnisse einzulassen.
Nicht umgekehrt.
Der Welpe ist kein Projekt, das möglichst schnell in die gewünschte Form gebracht werden muss. Er ist kein Spielzeug für Kinder. Kein Beschäftigungsprogramm. Kein Therapieersatz. Kein emotionaler Lückenfüller. Und schon gar kein Accessoire für einen ohnehin vollgestopften Lebensentwurf.
Wer einen Welpen anschafft, übernimmt Verantwortung. Punkt!
Und Verantwortung bedeutet manchmal eben, den eigenen Alltag zu verändern. Termine abzusagen. Prioritäten neu zu setzen. Freizeit anders zu organisieren. Sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Und vor allem: Kritik auszuhalten.
Denn genau daran scheint es hier manchmal zu fehlen.
Sobald eine Trainerin nicht das sagt, was der Kunde hören möchte, wird sie unbequem. Sobald sie erklärt, dass der Welpe zu wenig Ruhe bekommt, zu viele Reize verarbeitet, überfordert sein könnte oder dass der Mensch sein Verhalten verändern muss, wird diskutiert und das Training verlassen. Sobald eine fachliche Einschätzung nicht in das eigene Wunschbild passt, wird die Kompetenz der Trainerin infrage gestellt.
Nein. Ich werde Euch nicht nach dem Mund reden.
Ich werde Euch nicht erzählen, dass alles wunderbar ist, wenn ich fachlich etwas anderes sehe.
Ich werde Euch nicht bestätigen, dass der Welpe „das schon lernen muss“, wenn er offensichtlich überfordert ist.
Ich werde Euch nicht erklären, dass Euer voller Terminkalender wichtiger ist als seine Bedürfnisse.
Und ich werde ganz sicher nicht irgendwelche Trainingsstunden verkaufen, nur damit Ihr das Gefühl habt, alles sei bestens.
Ich zocke niemanden ab.
Mein Anspruch ist ein anderer.
Ich möchte Menschen dazu befähigen, ihren Hund zu verstehen. Verhalten einzuordnen. Bedürfnisse wahrzunehmen. Verantwortung zu übernehmen. Und gegebenenfalls das eigene Verhalten zu verändern.
Das ist nicht immer bequem.
Aber Hundetraining ist keine Wohlfühlveranstaltung, bei der der Kunde am Ende ausschließlich hören soll, wie toll er alles macht.
Manchmal ist die wichtigste Aussage einer Trainerin genau die, die niemand hören möchte.
Und ja, dazu gehört auch die Frage:
„Bist Du momentan überhaupt in der Lage, diesem Welpen gerecht zu werden?“
Diese Frage ist nicht böse.
Sie ist verantwortungsvoll.
Denn ein Welpe kann nicht sagen: „Mein Mensch ist gerade psychisch völlig erschöpft, deshalb brauche ich heute eben weniger Aufmerksamkeit.“
Er kann nicht sagen: „Meine Familie hat heute keine Zeit, deshalb verschiebe ich meine Entwicklungsbedürfnisse einfach auf morgen.“
Er kann nicht sagen: „Meine Menschen haben sich übernommen, deshalb passe ich mich eben an.“
Er ist abhängig von Euch.
Und genau deshalb sollte man sich vor der Anschaffung eines Welpen nicht nur fragen:
„Welche Rasse gefällt uns?“
„Welcher Hund passt zu uns?“
„Wie süß ist der Welpe?“
Sondern vor allem:
„Haben wir tatsächlich die Zeit, die Nerven, die Bereitschaft zur Veränderung und die Konsequenz, die dieses Lebewesen braucht?“
Wenn die ehrliche Antwort darauf Nein lautet, dann ist es möglicherweise nicht der richtige Zeitpunkt für einen Welpen.
Das ist keine Schande.
Einen Welpen trotz fehlender Kapazitäten anzuschaffen und anschließend zu erwarten, dass er sich passend machen lässt, ist hingegen keine verantwortungsvolle Entscheidung.
Und genau hier werde ich unbequem.
Der Hund steht im Zentrum meiner Arbeit.
Nicht der Umsatz.
Nicht der volle Terminkalender.
Nicht die Bequemlichkeit des Menschen.
Nicht die Erwartungen der Kinder.
Der Hund.
Wer damit nicht umgehen kann, wer keine fachliche Kritik verträgt oder erwartet, dass sich die Hundeschule seinem Leben vollständig unterordnet, darf sehr gerne weiterziehen.
Es gibt genügend Menschen, die bereit sind, Verantwortung nicht nur zu behaupten, sondern tatsächlich zu übernehmen.
Denn am Ende ist es ganz einfach:
Ihr habt Euch entschieden, einen Welpen in Euer Leben zu holen.
Der Welpe hat Euch nicht ausgesucht.
Also seid verdammt noch mal bereit, dieser Entscheidung auch gerecht zu werden.
Ein Welpe muss nicht in Euren Alltag passen.
Ihr müsst Euren Alltag so gestalten, dass der Welpe darin gut leben kann.
Christiane Strauch
Hundeschule Hundeblickwinkel

